Leslie Kaminoff Workshop // 2 tägiger Workshop im Inside Yoga, Frankfurt am Main

Ich bin ein sehr offener Mensch, ich kann mich für so vieles begeistern und würde so gerne so vieles machen und erleben. Ich gehöre zu den Menschen, die am liebsten fünf Tage Wochenende hätten und zwei Tage Arbeit, um die Zeit für das zu haben, was man alles so erleben kann.

Als meine Freundin Jasmin mich fragte, ob ich am 18. und 18. März 2017 mit zum Workshop von Leslie Kaminoff kommen will, habe ich einfach ja gesagt. Das war weit vor dem Workshop und dass ich dann schon selbst im Yoga Teacher Training bin, war da auch noch nicht klar.

Leslie Kaminoff ist, zusammen mit Amy Matthew, Autor des Buches Yoga Anatomy – gefühlt DAS Anatomiebuch für Yoga überhaupt. Er ist Schüler von T.K.V. Desikachar und erbringt, nach meinem Empfinden, eine herausragende Leistung für das therapeutische Yoga. Ich hatte zum Teil seine Newsletter, die im Zusammenhang mit seinem Online Kurs yogaanatomy.net stehen verschlungen. Und Jasmin‘s Begeisterung konnte ich nicht widerstehen, da wollte ich auf jeden Fall mit.

Irgendwann um die Weihnachtszeit haben wir alles dingfest gemacht: Workshop gebucht, Hotel gebucht und schwupps… vorgestern war es soweit. Total müde, ging es mit dem Zug 6.21 Uhr nach Frankfurt. Tag 1

Der Workshop fand im Inside Yoga in Frankfurt am Main statt. Ich war schon öfter in diesem Studio, da ich 2015 für drei Monate in Frankfurt gearbeitet hatte. Es ist ein modernes, cooles Studio mit zwei großen Räumen und einem kleinen Saunabereich.

// Tag 1

Der Workshop startete um 10 Uhr. Leslie hatte seine Lebensgefährtin Lydia Mann dabei. Er leitete den Workshop, sie war die gute Seele: machte Fotos, kümmerte sich um die organisatorischen Dinge, füllte die extra für uns angelegte Webseite mit Infos und Videos und relevanten Zitaten aus dem Workshop, korrigierte bei gemeinsam durchgeführten Übungen und warf den ein oder anderen coolen Spruch/ Kommentar in die Runde. Die beiden zusammen sind megawitzig und ein tolles Team.

Schwerpunkt des ersten Tages war „Preventing and Healing Injuries Through Yoga“ wobei die Atmung und ihre Wirkung und Handhabung im Yoga im Fokus standen.

Der Workshop war für mich eine Inspiration mein Verständnis von Yoga auszubauen und neue Ideen kennenzulernen. Ich übe Yoga seit Jahren, aber ich habe mich noch nicht dauerhaft und intensiv mit dem Drumherum beschäftigt. Der weit größere Teil der Teilnehmer des Workshops sind bereits Yogalehrer, sie haben sicher viel mehr von dem was wir gelernt und erfahren haben auf ihre Praxis und Schüler projiziert; für mich waren die Mehrzahl der Aussagen Leslies neu, wenn auch im Grunde aber auch logisch.

So finde ich z.B. die Aussage super anschaulich, dass Yoga ein Experiment ist. Die Matte ist dein Labor, auf welcher du durch die verschiedenen Asana alles ausprobieren kannst was für dich funktioniert und was nicht, was dir guttut und dir hilft. Und der Yogalehrer dir einen Weg zeigt, damit du dein Labor nicht in die Luft jagst. Es ist eine Hilfestellung, aber eben keine 100prozentige Anleitung, dafür sind die Schüler zu verschieden.

Was ich an Leslie so mag ist auch seine Art über Yoga zu sprechen. Bildlich gesehen ist sein Yoga bunt: es gibt offene Sichtweisen, Details sind wichtig – aber eben auch immer abhängig vom Kontext: „it depends“. So haben wir z.B. die Ein- und Ausatmung auseinandergenommen: in welcher Bewegung macht man was. Klar, in einer Vorbeuge atmet man aus, weil man beugt sich ja. Und wann man sich aufrichtet, atmet man wieder ein: man öffnet / streckt sich. Soweit klar, soweit logisch – solange man dies aus der Sicht der Vorderseite des Körpers betrachtet. Aber sieht man sich das Ganze mit Blick auf die Wirbelsäule an, streckt diese sich in der Vorbeuge und zieht sich zusammen wenn man sich wieder aufrichtet. Huch… und nun? Nichts… denn es ist wie es ist und man kann es sehen wie man es sehen möchte. Und sich selbst die Freiheit geben zu atmen, wie es sich genau im diesem Moment gut anfühlt. Yoga ist bunt.

„There is not a right way to breath (it depends). But there is one right technique.“ (Leslie Kaminoff)

Die Atemtechnik war der zentrale Punkt des Workshops inklusive anatomischer Betrachtung und Übungen in kleinen Flows. Aber zum Atmen gehören auch die Füße, bzw. ein fester Stand, ein Gefühl für deinen Stand: ausgerichtet über die drei Hauptkontakte deiner Füße. Dies sind zum einen der Großzeh, der Kleinzeh und die Ferse. Ich mag diese Übung, eine Balance allein über die Verteilung des Gewichtes auf die Füße. Und ich mochte die Idee, dass die Hand im Yoga immer sichtbar sein sollte: sprich, dass die Bewegung des Armes und der Hand nur soweit gehen sollte, wie du sie durch eine schmerzfreie Bewegung über die Wirbelsäule weiterhin sehen kannst.

Es waren viele kleine Denkanstöße, die Leslie durch seine Aussagen und Übungen an ersten Tag in mir ausgelöst hat. Es fiel mir leicht ihm zu folgen und sie nachzuvollziehen. Sie sprachen mich an, und es war für mich vor allem eine tolle Erfahrung, dass es nicht DAS Yoga gibt, sondern Yoga eine riesige Spielwiese sein kann, welche die Gelegenheit gibt sich ausprobieren. Diese Idee als Lehrer in den Stunden an seine Schüler weiterzugeben und ihnen zuzugestehen, ist eine Praxis, die ich sehr mag. So haben wir nach einer Übung 2-3 Minuten Freestyle Yoga gemacht, jeder wurde ermutigt das zu machen, wonach ihm gerade war. Jeder Körper ist anders, und der kann sich jeden Tag auch noch anders anfühlen: es kann nur gut sein, dann einfach mal in sich hineinzuhorchen, wonach einem gerade ist.

“Yoga as a therapeutic intervention recognizes that everything that is needed for healing is already present. Prana may need to be uncovered, but nothing needs to be added.” (Leslie Kaminoff)

Eine meiner Lieblingsaussagen von Tag 1 war “Yoga as a therapeutic intervention recognizes that everything that is needed for healing is already present. Prana may need to be uncovered, but nothing needs to be added.” Alles was wir zum Yoga brauchen, ist bereits in uns. Es ist vielleicht nicht bewusst da, aber es ist in uns.

Der Workshop ging am Tag 1 von 10 Uhr bis 13 Uhr und von 14.30 Uhr bis 17 Uhr. Jasmin und ich nutzten die Möglichkeit nach dem Workshop an der intensive Vinyasa Flow & Stretch Yogastunde teilzunehmen und abends gönnten wir uns noch einen leckeren Besuch beim Italiener. Ich denke ich muss nicht sagen, dass wir keine Probleme mit dem Einschlafen hatten, wir waren beide ko und glücklich.

// Tag 2

Tag 2 startete ausgeschlafen erneut 10 Uhr im inside yoga. Dieses Mal hatte ich es geschafft für Jamin & mich ein einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern. „Case studies and clinical observations“ war der Tagesschwerpunkt; aber zunächst chanteten (meditativer Sprachgesang) wir zusammen mehrere OM. Leslie erzählte uns anschließend mehr über das Mantra „Prana und Apana Nyasa“, das wir dann ebenfalls zusammen chanteten. Inzwischen mag ich Chanten sehr, ich freue mich sogar darauf: aber ich habe eine ganze Weile gebraucht um mich auf das Singen von Mantras in Sanskrit einzulassen.

Nach einer ausgiebigen Atemübung stand die erste Case Study an. Leslie hat von seinem Lehrer T.K.V. Desikachar gelernt, dass Yoga eine Beziehung zwischen dem Lehrer und dem Schüler ist. Und gerade im Ansatz des therapeutischen Yoga geht es immer auch um die Beziehung zueinander, so dass die Case Study mit einem ausführlichen Gespräch startet. Unsere erste Freiwillige erzählte von ihren körperlichen Einschränkungen und Leslie hinterfragte diese, aber eben auch im Zusammenhang mit ihrem Leben, der Entstehung dieser Schmerzen und Probleme und lies sich zeigen, welche Übungen sie bereits macht um sich selbst zu helfen. Drauf baute er dann auf, verfeinerte die Übung, variierte ein wenig und das Gespräch zwischen den beiden brach nie ab. Es war spannend zuzusehen und auch hier sammelte ich fleißig Infos und notierte mir skizziert die Übungen, die Erkenntnisse und Zusammenhänge.

Später visualisierten wir unserem Atem: mit geschlossenen Augen stellten wir uns ein rundes dreidimensionales Gebilde, leicht durchsichtig: wie eine Seifenblase. Dieses durfte die Farbe haben, die wir ihm gern geben wollten und es bewegte sich: mit der Einatmung und mit der Ausatmung verlor es an Größe und nahm wieder zu: in welcher Richtung war völlig uns überlassen: “it depends on what we want it to be“. Diese Übung war großartig, denn sie führt zu einem bewussten Atem. Diese Visualisierung ist bei Atemnot und/ oder Panik sicher viel, viel hilfreicher, als zu sagen „atme tief ein, du musst tief ein und ausatmen.“.

Und mir gefiel dabei der Ansatz, dass man sich als Yogatrainer auf das konzentriert was noch geht und nicht das was nicht geht. Dabei sind die wichtigen Aspekte, dass man 1. Atmen kann, 2. sich zumindest etwas bewegen kann und 3. sich auf eine Sache konzentrieren kann. Unter diesen drei Bedingungen, auch wenn sie vielleicht nur noch gering vorhanden sind, besteht die Möglichkeit, Yoga zu machen und diese Fähigkeiten zu nutzen um sich selbst zu helfen.

Und auch im Allgemeinen ist da einiges dran: auch ich jammere des Öfteren darüber was ich nicht kann und was schiefläuft. Dabei kann ich aber so viele andere Dinge und es läuft auch eben vieles gut. Das heißt nicht, dass man ignorieren soll was einen stört und was man gerne anders haben würde: aber eben den eigenen Fokus positiv besetzt und auf das richtet, was möglich ist und diesen Spielraum für die eigene Praxis nutzt. Und auch das ist ein schöner Ansatz, den man im Unterricht als Yogalehrer nutzen und seinen Schüler ins Bewusst sein rufen kann.

„Asana don’t have alignment, people have alignment.“ (Leslie Kaminoff)

Am Nachmittag schauten wir uns ein Ausschnitt aus einem Interview mit T.K.V. Desikachar aus dem Jahr 1996 an, wo er sich zu der normalen Medizin und dem Unterschied zum therapeutischen Yoga äußerte. Dieses Interview beinhaltet auch die Bedeutung und Wirkung der Beziehung zwischen dem Schüler und Lehrer, wie es Leslie am Vormittag aufgezeigt hatte. Leider habe ich den Link nicht dazu gefunden.

Spannend war dann auch die zweite Case Study mit einem weiteren Workshop Teilnehmer.

Die Zeit verging wie im Flug und es machte so viel Spaß. Sicher hatte Leslie sein Konzept des Workshops im Kopf, aber es fühlte sich so lebendig und dynamisch an. Nichts wirkte eingespielt oder runtererzählt, sondern fügte sich aneinander und baute aufeinander auf: einschließlich der Beantwortung unserer Fragen.

Interessant war dann auch das Video  von Tom Mayer, auf den man den Muskelverlauf des vorderen und hinteren Körpers sehen konnte. Das würde ich gerne mal in echt sehen, aber wahrscheinlich würde ich umkippen 😉

Um 17 Uhr endete der Workshop und ich war ein bisschen traurig. Leslie hat eine tolle Art Inhalte zu vermitteln, ich habe viel gelernt und ich wollte mehr, leider ist Leslie ja auch nicht oft in Deutschland. Sein Buch werde ich jetzt auf jeden Fall jetzt mit anderen Augen lesen und keinen seiner Newsletter inkl. Videos mehr verpassen.

 

Photos im Slider: Lydia Mann

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